Der Musikunterricht hatte zu meiner Schulzeit, und die liegt noch nicht sooo weit zurück, hartnäckig den Mief des Esoterischen, schlimmstenfalls sogar des Weibischen, weil die Mädchen sich offensichtlicher aufs Singen freuten als die Jungs. Niemand sprach davon, dass Musikunterricht faszinierend effektive Gymnastik fürs Gehirn ist.


TL;DR: Nicht nur ist es 2015 en vogue, bei uns Saxophonunterricht zu nehmen, sondern auch die Neurologie ist schwer angesagt. Weil, sie basiert erstens auf einer total abgefahrenen Technologie und hat zweitens auch das Potenzial, unser Bildungssystem zugunsten des Musikunterrichts umzukrempeln.


Vor acht Jahren publizierte ein Forscherteam aus den USA eine Studie, die für sich in Anspruch nahm, erstmals nachweisen zu können, dass das Musizieren sich auf kognitive Fähigkeiten ausübe: Innerhalb nur eines Jahres Musikunterricht würden mehrere Fähigkeiten merklich verbessert, die für standardmässige IQ-Tests relevant seien, so etwa die Lesefähigkeit, das räumliche Vorstellungsvermögen sowie ein generelles mathematisches Verständnis. Dieser Befund ist durchaus brisant, weil er nahelegt, dass Musik nicht nur etwas fürs Herz, sondern ganz erheblich auch für den Verstand ist. Und dass die Effekte nicht erst nach Jahrzehnten, sondern schon nach Monaten eintreten.

„It suggests that musical training is having an effect on how the brain gets wired for general cognitive functioning related to memory and attention.“
– Prof. Dr. Laurel Trainor, McMaster Universität

Seither wurden etliche Studien veröffentlicht, die sich das Gehirn unter dem Einfluss von Musik angeschaut haben (mit dem Suchbegriff „neurological study of music“ erhält man bei Google Scholar für die Zeit zwischen 2006 und 2015 rund 21’000 URLs zu wissenschaftlichen Artikeln). Die Befunde im Forschungsfeld sind noch nicht breit abgestützt und basieren auf eher kleineren Stichproben, sie kränkeln an allerlei anderen Schwächen der empirischen Forschung und stammen überwiegend aus dem kulturellen Kontext der USA. Ungeachtet dessen zwingen sie einem dazu, sich Gedanken darüber zu machen, was die Konsequenzen für unser Bildungssystem sein könnten, wenn sich die Befunde erhärten. Aber warum nicht noch ein paar weitere Beispiele vorab? Also, bitte:

Im Januar 2014 wurde eine Studie publiziert, die aufzeigen konnte, dass Musikunterricht dabei hilft, Fehler schneller zu erkennen und zu beheben. Beim Üben von Musikstücken müssen die Musikanten genau und aufmerksam hinhören, um Fehler zu hören, und mögliche Stolpersteine durch eine Anpassung der Körperhaltung antizipieren. Das trainiert nicht nur das Konzentrationsvermögen, sondern auch die Problemlösungsfähigkeiten. Und das Gute daran ist, dass man nicht erst im Profi-Level profitiert.

„Even moderate levels of musical activity were beneficial to cognitive performance.“
–Dr. Ines Jentzsch, St. Andrews Universität

Die schnellen Lerneffekte, die in der ersten Studie gefunden wurden, verschwinden nicht einmal schnell: Die durch Musikunterricht geförderten und gefestigten sogenannten „exekutiven Kompetenzen“ (z.B. Verarbeitung und Memorisierung von Information, Problemlösungsfähigkeiten und emotionale Regulierung) bleiben erhalten und sind für den Karriereverlauf offenbar sogar entscheidender als der IQ, wie eine im Juni 2014 publizierte Studie sagt. Hier zeigt sich, dass günstige Voraussetzungen für gute Prüfungsresultate nicht nur durch viel Vorbereitungszeit geschaffen, sondern (auch) durch Musikunterricht gefördert werden:

„While many schools are cutting music programs and spending more and more time on test preparation, our findings suggest that musical training may actually help to set up children for a better academic future.“
– Dr. Nadine Gaab, Kinderspital Boston.

Sonst bestehende ‚Klassenunterschiede‘ zwischen Kindern aus wohlhabenden und ärmeren Haushalten könnten durch Musikunterricht ausgeglichen werden, legt eine im September 2014 Studie nahe. Nach nur zwei Jahren Musikunterricht war das Hörverständnis der Kinder wesentlich differenzierter, was ihnen dabei behilflich sein könnte, sich besser auszudrücken und andere besser wahrzunehmen – eine nicht unentscheidende Kompetenz im schulischen und Berufsleben, die allerdings im Kindesalter wesentlich leichter erworben wird als im Erwachsenenalter.

„If it’s offered at a critical period of development, it seems to work.“
– Prof. Robert M. Bilder, UCLA

Im November 2014 wurde die grösste bisher durchgeführte neurologische Studie zum Einfluss des Musizierens publiziert. Sie kommt zum Schluss, dass neben den kognitiven Fähigkeiten auch emotionale Kompetenzen wesentlich zum Besseren beeinflusst werden. Konkret etwa die Impulskontrolle, eine wichtige Voraussetzung für die Konzentrationsfähigkeit.

„It accelerated cortical organization in attention skill, anxiety management and emotional control.”
– Prof. James Hudziak, Universität Vermont

Wenn ich mir diese Forschungsbefunde so ansehe, denke ich mir folgendes: Musikunterricht ist ja noch viel mehr, als wonach es aussieht! Während wir hinter dem Instrument und vor den Notenblättern sitzen, trainieren wir nicht nur unsere musikalischen Fähigkeiten und die damit unmittelbar zusammenhängenden Fertigkeiten (wie beispielsweise die Feinmotorik und Koordination unserer Finger und Füsse), sondern auch noch eine ganze Reihe anderer individueller und sozialer Kompetenzen, die im übrigen Alltag verdammt entscheidend sind. All die Stunden, die ich in der Schule damit verbracht habe, Appenzeller Liedgut kennenzulernen und Songs aus dem Musical „Hair“ im Klassenverband zu johlen, Lieder solo vorzutragen und Taktübungen zu machen, haben mir also nicht nur insgesamt eine gute Zeit beschert, sondern en passant meine Sinne und Synapsen mannigfaltig sensibilisiert, sodass ich auch in anderen Fächern davon profitieren und womöglich sogar ein Studium erfolgreich beenden konnte.

Komisch nur, dass ich all die Jahre in der Schule immer den Eindruck hatte, der Musikunterricht sei seine eigene kleine Insel, abgeschottet von dem, was gemeinhin unter „Bildungsangebot“ verstanden wurde, ultimativ selbstreferenziell und obwohl auf dem Papier obligatorisch, so doch insgesamt unwichtig für die Schul- und berufliche Karriere. Wer den Musikunterricht doof fand, musste sich doch nie anhören, wie wichtig das aber für das spätere Leben sein würde. Und zwar nicht einfach im Kontext eines generellen Kulturverständnisses oder wegen des persönlichen Zens, sondern im Sinn handfester Skills, die darüber entscheiden, womit man dereinst seine Brötchen verdient. So wie Mathe halt. Oder Deutsch.

Quelle: www.funderstanding.com
Quelle: http://www.funderstanding.com

Jedenfalls: Kann ja sein, dass ich in der Hinsicht schon zur alten Garde zähle, deren verstaubtes Schulmodell heute mittlerweile mit einem schiefen Lächeln bedacht wird. Immerhin ist die Harmonisierung der Volksschule über alle Deutschschweizer Kantone hinweg mit dem „Lehrplan 21“ schon angelaufen und damit die Restrukturierung der obligatorischen Schule schon eine Weile Realität. Vielleicht wird dem oben durch ein paar Befunde skizzierten Forschungsfeld in irgendeiner Weise Rechnung getragen; Sinn machen würds ja auf alle Fälle.

Wo ist Musikunterricht im Lehrplan 21 angesiedelt?

Obwohl auf der ganzen Welt davon die Rede ist, Musik sei eine universale Sprache, erscheint sie im Konzeptpapier zum Lehrplan 21 als regional-historisch geprägte Kulturpraxis und somit gerade als das Gegenteil von universell. „Bildungsziel ist eine musikalische Grundbildung, ausgerichtet auf die Förderung von Kreativität, performativen Fertigkeiten und ästhetischem Sinn, sowie auf die Vermittlung von Kenntnissen in Kunst und Kultur“, steht da. Und weiter: „Der Musikunterricht an der Volksschule sichert einen einzigartigen Zugang zur kulturellen Bildung […]“.

Musik ist in die diffuse Ecke der kulturellen Bildung abgeschoben.
Musik ist in die diffuse Ecke der „kulturellen Bildung“ abgeschoben.

Der Lehrplan 21 redet auf immerhin einer knappen Seite von den überfachlichen Kompetenzen, die durch den Musikunterricht erworben werden. Allerdings sind darunter nicht Fähigkeiten gemeint, die in anderen Schulfächern zum Tragen kommen (etwa Konzentrations- oder Problemlösungsfähigkeiten), sondern Soft Skills des privaten Alltags, der sich – ausser in künstlerischen Berufen – nicht in die Berufswelt erstreckt. Musik zu machen ist nach Auffassung der Lehrplanung kaum mehr als Meditation. Und zwar nicht nur im sprachregional ausgerichteten Lehrplan 21, sondern auch in den kantonalen Konzepten. Zum Beispiel:

Der Kanton Bern betont in seinem Lehrplan besonders stark die kulturelle Komponente der Musik: „Musik widerspiegelt kulturelle Eigenheiten von Völkern und Epochen. […] Musik ermöglicht eine Vertiefung von Begegnun- gen mit Natur, Kultur und Gesellschaft.“ Musikunterricht ist bestenfalls dazu da, „eindrückliche Erlebnisse“ zu verschaffen und wird daneben noch als Konsumgut behandelt. Erfreulicherweise wird die Nähe zwischen Musik- und Sprachunterricht explizit thematisiert: „In vielfältigen Unterrichtssituationen erwerben die Schülerinnen und Schüler im Fach Musik neue Begriffe und erweitern ihren Wortschatz.“ Musikunterricht sensibilisiert für sprachliche Nuancen und erweitert das Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten? Das klingt ja vielversprechend! Leider weit gefehlt – gemeint ist nur der fachliche Wortschatz: „Diese Auseinandersetzung mit musikalischen Fragen verschafft Schülerinnen und Schülern Zugang zur Fachsprache und fördert den Umgang mit Fachbegriffen.“

Auf Primarstufe (dort, wo die Plastizität des Gehirns noch gigantisch ist) wird in Zürich der Musikunterricht zusammen mit der Handarbeit und dem bildnerischen Gestalten zusammengefasst zu einer nebulösen Kategorie der individuellen Selbstverwirklichung. Immerhin wird hier anerkannt, dass auch in anderen Unterrichtseinheiten der musische Zugang sinnvoll sein kann. Aber auch das ist dann doch nichts Umwerfendes, denn das bedeutet nur, dass Musik als didaktisches Instrument anerkannt ist und nicht, dass davon zu profitieren versucht wird, was die Musik im Gehirn an relevanten Verbindungen herstellt.

Im Gymnasiallehrplan von Basel-Stadt ist Musik ein Grundlagenfach (immerhin) und kann als Schwerpunktfach gewählt werden (sehr gut) oder Ergänzungsfach (yay). Dennoch wird Musikunterricht auch hier darauf reduziert, Kultur zu leben, und entsprechend einseitig gefördert. Nicht berücksichtigt wird etwa die positive Wirkung als Ausgleich oder Ergänzung, mit der die Leistung in anderen Fächern sich verbessert.

St.Gallen ist im kantonalen Vergleich richtig progressiv, wenn der Volksschullehrplan davon redet, wie Musik die „Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Konzentrationsfähigkeit […] erweitert“. Auch die soziale Komponente gemeinsamen Musizierens wird explizit wahrgenommen. Es findet sich sogar dieser Satz: „Tägliches Singen und Musizieren wirkt konzentrationsfördernd, motivierend und auflockernd.“ Und dennoch: Musik ist auch in diesem Lehrplan eine Bereicherung, nicht eine Grundlage für den (schulischen) Alltag.

Instrumentor distanziert sich explizit von politischen Standpunkten zum Lehrplan 21. Jesse gefällt einfach die Referenz zu Pink Floyd.
Instrumentor distanziert sich explizit von politischen Standpunkten zum Lehrplan 21. Jesse gefällt einfach die Referenz zu Pink Floyd.

Zugegeben: Niemand bei uns ist Experte für Erziehungsfragen, und für diesen Beitrag habe ich keinen einzigen Lehrplan von vorne bis hinten durchgeackert. Aber sollte ich alle Zitate durchs Band missverstanden haben, würde ich hemmungslos den Formulierungen und nicht meiner Ignoranz die Schuld geben. Ich glaube also nicht, total daneben zu liegen, wenn mir nach der Lektüre dieser Eindruck bleibt: Musikunterricht hat im Volksschullehrplan beileibe keine Schlüsselrolle. Sie ist obligatorischer Bestandteil des Unterrichts, aber hat mehr die Funktion einer Pause vom „richtigen“ Schulbetrieb und dient der individuellen Erholung und Verwunderung. Was im Musikunterricht geschieht, wird als relevant für den weiteren Musikunterricht, nicht aber für die anderen Fächer behandelt. Somit bleibt er abgeschottet und vom Rest des Schulalltags getrennt. Nicht, dass das nicht irgendwie das Schicksal aller Fächer ist (erst dann macht ja auch ihre Trennung in einzelne Fächer überhaupt Sinn) – aber angesichts der vielfältigen Befunde aus der Neurologie wundert man sich dann doch: Was gedenkt unser Bildungssystem damit zu tun? Was sind die Konsequenzen für unser Bildungssystem, wenn das Musizieren tatsächlich so tiefgreifende Folgen auf die Entwicklung des Gehirns hat? Und was heisst das für das gesellschaftliche Image von Musik und Musikern?

„Lack of musical participation is both a cause and symptom of our unhappiness, and it demonstrates the failure of modern civilization to meet our emotional needs. […] We would be wise to restore routine music-making to its proper place in the center of our lives.“
– Prof. Ethan Hein, New York University

Wir sind der Meinung, dass es missverstanden wäre, Musik nur als Vehikel für bessere Performanz in „wichtigeren“ Fächern zu missbrauchen, sie gewissermassen als Doping zu verstehen. Aber sie zu einer Freizeitbeschäftigung zu degradieren, entspricht einfach nicht mehr dem aktuellen Wissensstand. Das geht doch besser.

P.S.: Du bist grad ins Grübeln gekommen und hast endlos Ideen, die für Musikunterricht sprechen? Hilf uns, dieses Nebenprojekt zu Ende zu führen! 

Header-Foto: https://www.flickr.com/photos/markjsebastian/5419051378/sizes/z/