Bei Instrumentor haben wir das Ziel, dir den besten Musikunterricht deines Lebens vermitteln zu können, und schwer vor, erheblich zur Brückenbildung zwischen musikalischen Kategorien beizutragen.

Diese Mission beginnt freilich mit der Frage, wo die Brücke ihre beiden Enden hat. In einem früheren Blogpost haben wir geschrieben, es schieden sich die Geister vielmehr an Sub-Genres (zum Beispiel A-Capella-Country-Pop-Lounge-Jazz versus Indie-Grindcore-Doom-Reggae) als am ‚Gegensatz’ von klassischer zu populärer Musik. Heute beginnen wir bei der Frage, wie es kommt, dass – wenn schon nicht die soziale Schicht – so doch zumindest Altersunterschiede oft so aussehen, als ob sie erklären können, wer auf klassische Musik steht und wer nicht.


TL;DR: Klassische Musik ist für Jugendliche nicht interessant. So zumindest ist häufig die Wahrnehmung. Aber wenn man sich ein paar Meinungen dazu ansieht, stellt sich heraus, dass die Unterschiede von Jung und Alt weit weniger aussagekräftiger zu sein scheinen als die Frage, wer denn überhaupt schon und wie in Kontakt mit verschiedenen Musik-Genres gekommen ist.


Wie mit so vielen Fragen im Leben gibt es auch auf diese hier keine singuläre Antwort. Es gibt mehrere Möglichkeiten, warum die Sache so ist, wie sie ist. Alle Erklärungsversuche, die jetzt dann grad kommen, wurden aus einem Thread auf Quora herausgezogen und thematisch geordnet. Und um alle weiteren Fragen in die Richtung zu ersparen, wird „klassische Musik“ hier gemäss den Worten des Fragestellers auf Quora so verstanden: „Bach, Mozart, famous dead white male composers for piano, violin, etc.“

„Himmel, kommt das denn nie in Fahrt“

Zu sagen, klassische Musik sei zu langsam, zu lang und generell zu schwierig „für die Jungen von Heute“, ist die eine Erklärung. Man kennts ja: ADHS, wo man hinguckt, irres Tempo in allen Bereichen des Lebens und dann auch noch diese Wegwerfmentalität – kein Wunder gedeiht hier keine Musse für die Klassik, wo die Komposition viel Hingabe verlangt. Und als vis-à-vis der sozusagen problemorientierten klassischen Musik gibt’s dann die lösungsorientierte Pop-Musik. Hier dauern Tracks selten länger als 4 Minuten, die Pointe des Stücks ist im Refrain bei spätestens 1:30 jetzt also wirklich JEDEM klar, und überhaupt ist das Ding so komponiert, dass einem selbst die repetitivsten Teile nicht loslassen.

Will heissen: Für die Jungen fühlt sich klassische Musik an wie der rechte Schuh am linken Fuss.

„Leute, bitte einfach nur zuhören“

Ein verwandtes Problem wird darin gesehen, dass klassische Musik nicht darauf ausgelegt sei, das Publikum mitmachen zu lassen. Die zurückgelehnte Passivkultur einer seichten Berieselung oder anspruchsvollen Belehrung wirkt heute tatsächlich zunehmend altbacken: Selfies mit den Fans an Konzerten, Posts von Bildern der Fans oder (natürlich publikumswirksame) Krankenbesuche von Hollywoodstars an den Betten zufällig ausgewählter Kids machen deutlich, dass der Konsument verlangt, in irgendeiner Form mitmachen zu können.

Also: Im Sturm und Drang der Jugend ist der Geist klassischer Musik Windstille und eine Fussfessel.

Das führt dann auch schon zum nächsten Punkt:

„Sie, das ist ja sowas von 1800“

Seinerzeit wurden klassische Stücke in Auftrag gegeben, um wohlhabenden Aristokraten die Zeit zu versüssen. Der Komponist war Handwerker und nahm Anweisungen entgegen, weniger mit der progressiven Vision eines Künstlers, als mit der zuverlässigen Trittsicherheit eines Veteranen im Fach. Was hinterher als Musikstück aufgeführt wurde, verhallte dann natürlich nicht nur in den edlen Hallen der Herrenhäuser, sondern wurde auch breit in der Bevölkerung wahrgenommen. Damals war die heute für uns klassische Musik die populäre Gegenwartsmucke. Die Wertschätzung, die sie vom Publikum erhielt, ist darum auch zu verstehen vor dem Hintergrund eines Zeitgeists, der heute wirklich anders ist. Ihrer Schönheit und Anmut ungeachtet seien viele Elemente oder gar ganze Kompositionen der klassischen Ära also einfach nicht mehr zeitgemäss.

Oder um es so zu sagen: Nicht in jedem Lebensabschnitt ist, was früher war, spannender als das, was künftig geschehen wird.

„Du, gell, wie man in den Wald ruft, so kommt es zurück“

Und vor diesem Hintergrund ist es umso stossender, wenn die aktuelle Musik zu etwas Niedrigem degradiert wird. Erst recht, wenns kategorisch passiert, wenn Unterschiede nicht wahrgenommen werden. Da muss man sich anhören, seine Lieblingsmusik sei niveauloses Geplänkel ohne Charakter – von Snobs, die auf Fahrstuhlmusik und Stehapéros im Flüsterton abfahren. Die pauschale Breitseite in die eine oder andere Richtung ist heute dank der mehr als fragwürdigen Trennung in ‚ernsthafte‘ und ‚unterhaltende‘ Musik (E- und U-Musik) noch immer viel zu lebendig.

Mit anderen Worten: Wo die Toleranz fehlt, gehts ratzifatzi Auge um Auge.

„Frag mal meine Freunde, die finden’s alle auch doof“

Wie findest denn eigentlich DU klassische Musik? Gefällt sie dir besser als Barock? Was hältst du vom Romantizismus? – Du hast keine Ahnung? Voll easy, viele haben keine Ahnung. Und trotzdem könn(t)en alle eine Antwort geben: Nämlich einfach die Worte von jemand, dem sie vertrauen. Wenn man Position beziehen soll, aber keine eigene Meinung hat, geht man das geringste Risiko ein, sich kurzerhand der Meinung der Mehrheit anzuschliessen. Zu sagen, man finde klassische Musik doof, ist drum für Viele zu einem guten Teil sozialer Standard, Gruppendruck und nicht zuletzt auch einfach die sicherste Stellungnahme. Weil die Freunde beginnen erst dann dumme Fragen zu stellen, sobald man klassische Musik toll findet.

So quasi: Um mich herum fährt niemand auf das Zeugs ab; so viele Leute können sich gar nicht irren.

„Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“

Im Grossen und Ganzen scheint die Abwehrhaltung gegenüber der klassischen Musik allerdings daher zu kommen, dass Viele die Freuden dieses Genres schlicht (noch) nicht kennengelernt haben. Klassische Musik sei wie Kaffee: Man müsse sich den Geschmack dafür über viele bittere Lektionen Portion für Portion aneignen. Körper und Geist überzeugen, dass gerade die Bitterkeit und die Grimassen der Genuss hinter allem seien. Und wem das nicht gelinge, trage punkto Musikgeschmack zeitlebens Kinderschuhe. Genauso wenig, wie Kaffee als Kindergetränk fürs Disneyland vorgesehen sei, hätten klassische Stücke den Anspruch, mühelos zugänglich zu sein. Die Schönheit müsse sich jeder im Schweisse seines Angesichts mit den blossen Händen freilegen.

Sozusagen: Von Nichts kommt nichts.

Inwiefern diese unterschiedlichen Erklärungsversuche das Alter berücksichtigen, liegt nicht überall direkt auf der Hand. Aber im Grossen und Ganzen sieht es so aus, als wüchsen die meisten Leute in die klassische Musik hinein – und das dauert halt seine Zeit. Unterdessen wird man älter. So gesehen ist es der Regelfall, dass die Wertschätzung für diese Musik nicht schon mit den Milchzähnen kommt. Allerdings gibts offenbar zwei Beschleuniger:

  1. Strömt zuhause klassische Musik aus den elterlichen Lautsprechern, sind mindestens schon die ersten Hemmschwellen abgebaut, die ersten Hörmuster etabliert, die ersten Lieblingslieder bestimmt. Ab da ist die Sache mit der klassischen Musik eine Frage von mehr/weniger, nicht mehr eine von entweder/oder.
  2. In der Schule oder in der Freizieit im Musikunterricht ein Instrument zu lernen, beeinflusst ganz wesentlich die Erwartungen daran, in welche Kontexte ein Instrument gehört und wie es klingen kann. Dieser erweiterte Horizont ist die beste Grundlage dafür, sich auch aktiv für Kompositionen zu interessieren, die ausserhalb des Alltagsgeschmacks liegen.

Ein weiterer Weg, den Zugang zur Klassik zu ebnen, liegt für uns darin, eben ganz grundsätzlich den Graben zu füllen, der zwischen dieser und den moderneren Genres zu klaffen scheint: Indem wir Musikunterricht über alle Genres hinweg anbieten, wollen wir auch signalisieren, dass für uns Musik zuallererst Musik ist und verschiedene Stile nicht als Sperrgebiete, sondern weisse Flecken auf der musikalischen Landkarte betrachtet werden sollen. Es soll also nicht nur der Zugang zur Klassik geebnet werden, sondern ebenso der Zugang zu allen möglichen anderen Genres. Wer will, kann ja gerne Musik in ‚unterhaltsam‘ und ‚ernsthaft‘ einteilen. Aber wer diesen zwei Kategorien jeweils restlos ganze Musikgenres unterordnet, ist also wirklich sträflich eindimensional. Nichts ist abtörnender als undifferenziertes Elitengehabe und ignorante Nachplapperei. Wir tun unser Möglichstes für mehr gegenseitige Wahrnehmung, weniger Berührungsängste, mehr Austausch und weniger Zurückgezogenheit aus ‚fremden‘ Kreisen. Musikunterricht muss die Wälle zwischen den Genres einreissen, nicht weiter zementieren.

Allerdings: Wenn gefragt wird, warum Jugendliche nicht auf Klassik stehen, und nicht gleichzeitig auch danach, warum die Musik der Jugendlichen ganz offenbar in allen älteren Generationen nur schrumplige Grimassen auslöst, dann haben wir noch Probleme zu lösen. Die klassische Musik als allgemeingültige Referenz zu nehmen und Anerkennung für sie zu verlangen, ist schön und gut. Aber im selben Moment der kontemporären Musik diesen Status zu verweigern, ist weder schön, noch gut. Unserer Meinung nach ist jede Form des Musikunterrichts die richtige, solange sie einem hilft, den eigenen Träumen näherzukommen. Die universelle Sprache ist die Musik selber, nicht ein bestimmtes Genre.

Foto: nosha via http://www.imcreator.com/