Die westlich geprägte Musiktheorie ist genau das: Nichts mehr als das musikalische Regelwerk, das hierzulande verwendet wird. Die Musik des Westens.

Was beim Musik Hören als richtig und bestenfalls sogar als schön empfunden wird, ist tief im hiesigen Kulturverständnis verwurzelt. Und die Möglichkeiten beim Musik Machen werden oft von den Instrumenten vorgegeben.

Schau dir zum Beispiel eine Gitarre oder ein Piano an, und du kannst sehen, wie ein fundamentales Grundgesetz der westlichen Musiktheorie Form angenommen hat: Es gilt nämlich die Regel, dass eine Oktave aus zwölf Halbtonschritten besteht (es gibt natürlich noch einen Haufen anderer „westlicher“ Musiktheorien, aber en gros ist diese Musik für das ungeschulte Ohr am zugänglichsten). Und du kannst noch bis zum Sanktnimmerleinstag an diesen beiden Instrumenten rumdrücken – wenn du dich an die Tasten und Bünde hältst, wird es verdammt schwer, mehr als 12 Tonschritte zu machen, ohne dabei entweder denselben Ton mehrmals zu spielen oder die Oktave erklingen zu lassen (mit der Ausnahme von Keyboards).

Sind das deswegen die einzigen Töne, die dir beim Musik Machen zur Verfügung stehen? Mitnichten! Prinzipiell sind unendlich viele andere Tonschritte möglich, denn – du erinnerst dich sicher an diesen Blogbeitrag – Töne sind nur Schwingungen und als solche abhängig davon, wie stark die Schwingung ausschlägt: Kurze oder straffe Oberflächen schwingen schnell hin und her, lange oder lockere Oberflächen schwingen brauchen für eine Schwingung mehr Zeit. Bei Saiteninstrumenten bestimmt der Druck aufs Griffbrett, wie lange die schwingende Seite der Saite ist und damit auch die Tonhöhe. Um die Sache etwas übersichtlicher zu machen, haben Gitarren (meistens) ein Griffbrett mit Bundstäben, die praktischerweise genau so platziert sind, dass damit die Gesetze der chromatischen Intervalllehre (hier auch noch nachzulesen) eingehalten werden. Bei Tasteninstrumenten wie dem Klavier sind die Saiten schon abgelängt, als ob jede Saite ihr eigenes Griffbrett hätte und an jeder Saite ein Finger jeweils auf dir „richtige“ Stelle drückte. Hätte die Saite eine andere Länge (wovon kein einziges Naturgesetz sie abhalten könnte), klänge sie anders.

Wie anders, das kannst du dir hier in dieser kleinen Videosammlung ansehen. Beim ersten mal Hinhören klingts vielleicht einfach verstimmt. Und in gewisser Weise ist das auch nicht falsch: Denn die erklingenden Töne entsprechen nicht von für unseren Ohren als richtig empfundenen 12 Halbtönen. Sie sind Zwischenschritte und als solche Elemente von sogenannten mikrotonalen Skalen. „Mikro“ deswegen, weil Tonschritte möglich sind, die kleiner (korrekter wäre: „anders“) sind als die Halbtonintervalle, wie sie in der gängigen westlichen Musiktheorie vorgesehen sind. Aber hör selber mal rein:

Beginnen wir mal mit einer klassischen Gitarre:

Oder die da:

Und wenn es nicht Jazz ist, muss es Metal sein, wo die eher unzugänglichen Dinge mit grosser Freude und Neugierde ausprobiert werden:

Es geht natürlich auch eine ganze Spur romantischer:

Und im Duett:

Wie wärs mit einem Klavier:

Du siehst: Im Musikladen deines Vertrauens stehen bestimmt nicht viele solcher Instrumente rum und zufällig über ein paar mikrotonale Chartstürmer zu stolpern, ist hierzulande wohl auch eher unwahrscheinlich. Praktischerweise ist im Internet jede Quelle nur einen Klick entfernt, und vielleicht lenkt dieser Beitrag deine nächste Komposition zum ersten Mal in die aufregenden Felder der Mikrotonalität.

Bild: RYAN MCGUIRE OF BELLS DESIGN via http://www.gratisography.com