Vor nicht allzu langer Zeit kursierte dieses Bild durch den Cyberspace, auf dem für verschiedene Musikgenres klischeehaft der jeweilige Aufbau von Liedern dargestellt ist:

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Das Bild ist übrigens von hier

Während obige Darstellung unbestritten ein hervorragender Aufhänger für lustige Gespräche ist (und natürlich auch voll ernste, wo ob so unverhohlen einfacher Schemen für kulturpessimistische Thesen reichlich Platz ist), fällt einem doch spätestens beim zweiten Blick die Abwesenheit der klassischen Musik auf. Rock, Blues, Indie, Pop, Country – alles da; Klassik – Fehlanzeige. Hat die klassische Musik gar kein Stereotyp? Hat der Künstler sie fatalerweise vergessen? Nun, glücklicherweise ist er nicht der einzige, der im Internet Dinge veröffentlicht: Hier hat auch die Klassik ihr gestapeltes Balkendiagramm, leider durchwegs humorentleert.

Und a propos „humorentleert“ und „Klassik“: Natürlich gibt es Stereotype zur klassischen Musik. Sie gilt etwa als ernste oder ernstzunehmende Musik (im Gegensatz zur Unterhaltungsmusik wie Pop oder Folk). Klassische Musik soll keinen Spass machen oder lustig sein, sondern ist eine Devotionalie des menschlichen Genius. Vielleicht wird sie darum auch als einzige Musikrichtung durch alle sozialen Schichten hindurch unisono der Elite, also der gesellschaftlichen Spitze, zugewiesen. Fragt man also Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten (zuunterst liegt die Unterschicht, auf der hockt die Mittelschicht, und zuoberst thront die Oberschicht), welcher Schicht sie verschiedene Musikgenres zuweisen würden, gibt jeder andere Antworten als der Nächste – ausser bei der Klassik. Die Klassik schimmert im Glanz des Anspruchsvollen, des Erlesenen und Exquisiten, des Unnahbaren und eben: des Elitären.

Denkt man in sozialen Schichten über eine Gesellschaft nach, gehört demnach klassische Musik eindeutig in den feinen Zirkel der gesellschaftlichen Spitzenreiter. Das graue Fussvolk bringt sich derweil mit der vulgären Trivialkultur wie den MTV-Charts oder dem Musikantenstadl durch seine miserable Existenz. Oben strahlen ein Bewusstsein und eine Wertschätzung gegenüber der höheren Kultur, die in der klassischen Musik zum Ausdruck kommt, während unten tumbe Ignoranz und Indifferenz herrschen. Und während die Elite düpiert ihre gammaschierten Füsse und spitzenbehangenen Rockzipfel hochzieht, um nichts vom Schlamm an der Basis abzubekommen, ist es jenen dort unten einfach Schnurz, was man ihnen vorsetzt, solange es nur nichts Schnöseliges ist.

Diese Denke ist alles andere als sympathisch (abgesehen davon, wie undiplomatisch man sie in Worte fassen kann), und sie wirkt altbacken wie Sau. Aber sie ist auch Ausdruck eines tief verwurzelten Bedürfnisses: Wir alle haben das ganz grundlegende Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören; wie etwa zu einer bestimmten sozialen Schicht. Öfter als wir denken definieren wir unsere Zugehörigkeit jedoch über die Abgrenzung von etwas – wir wissen also vor allem, wozu wir nicht gehören wollen. Diese Abgrenzung wird in der Sozialpsychologie oder Soziologie „Distinktion“ genannt. Und wie es der Zufall will, eignet sich der Musikgeschmack von Menschen hervorragend für Distinktionsforschung – also die Erforschung dessen, welchen Gruppen sich Menschen als zugehörig definieren. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat Ende der 70er-Jahre ein wegweisendes Buch dazu veröffentlicht, wie feingliedrig sich die Pariser Gesellschaft über ihren Musikgeschmack beschreiben liess. Und zur Zeit von Bourdieus Publikation sah die Gesellschaft etwa so aus: Es gab eine Elite, die sich genüsslich und ausschliesslich Klassik zu Gemüte führte – und es gab eine Unterschicht, die auf den ganzen Rest abfuhr: Folk, Blues oder erste Formen von Rock (wahrscheinlich auch noch Jazz, wäre der Teil der Untersuchung gewesen). Der Elitengeschmack war sehr exklusiv, der Massengeschmack überhaupt nicht. Musikalische Vorlieben hatten damals also eine sehr hohe Distinktionskraft.

Seither haben sich diese Denkmuster entlang gesellschaftlicher Schichten aufzulösen begonnen. Man kann sich nun die Frage stellen, ob der Musikgeschmack heute noch grossartig etwas aussagen kann über die soziale Position einer Person. Und in der Tat hat sich die Auffassung geändert – allerdings nicht durchs Band: Der amerikanische Soziologe Richard Peterson hat Anfang der 90er-Jahre eine Untersuchung durchgeführt, bei der zwar nicht der ‚elitäre’ Stellenwert klassischer Musik, wohl aber die Vorstellung einer Elite mit einem exklusiven Geschmack in Frage gestellt wurde. Bei seiner Forschung kam heraus, dass es Personen gibt, die sich in mehreren musikalischen Feldern zuhause fühlen, und andere, die ungleich stärker auf ein bestimmtes Genre ausgerichtet sind. Wer aber denkt, Letztere seien die elitären Klassikliebhaber, irrt. Es ist genau umgekehrt: Personen mit einem höheren Lebensstandard und mit vielfältigeren sozialen Beziehungen – kurzum: privilegierte Personen der gesellschaftlichen Elite – hatten Mühe, sich für ein Lieblingsgenre zu entscheiden. Personen, die nicht im gleichen Mass Privilegien geniessen konnten, entpuppten sich im Vergleich dazu als viel exklusiver im Musikgeschmack.

Peterson erklärte diesen Umstand damit, dass musikalische Vorlieben nicht nur vertikal einzelne Schichten trennen, sondern horizontal innerhalb der einzelnen Schichten nochmals zur gegenseitigen Abgrenzung dienen. Damit stellte er etwas sehr Wichtiges fest: Der Musikgeschmack am unteren Ende der gesellschaftlichen Pyramide ist alles andere als einheitlich. Der Musikgeschmack ist in überhaupt keiner Schicht einheitlich, und der musikalische Massengeschmack ist bei näherem Hinsehen ein dichtes Gewusel mehr oder weniger ähnlicher Sub-Genres.

Warum aber hatten dann systematisch weniger privilegierte Personen klarere Vorstellungen von ihrer Lieblingsmusik? Für Peterson lautete die Antwort, dass Musik dann als Abgrenzungsmerkmal dient, wenn alle anderen Ressourcen aufgebraucht oder nicht verfügbar sind. Wer nicht mehr verdient als die anderen und auch nicht die wichtigeren Menschen kennt oder die komplizierteren Sätze versteht, grenzt sich halt über seinen Musikgeschmack ab. Wer aber wohlhabend bis steinreich ist, sich in der gesellschaftlichen crème de la crème bewegt und wohlbelesen die ganze Welt bereist, der kann sich in musikalischen Belangen getrost entspannen, ohne gleich seinen sozialen Status aufs Spiel zu setzen.

Tja. Was nun? Wer jetzt im Geiste seine Plattensammlung auf Vielfalt checkt oder sich von iTunes die Genres auflisten lässt, um etwas über seinen sozialen Status herauszufinden, wird wohl nicht weit kommen. Musik ist ja nur einer von vielen Faktoren. Aber, und das ist ja das Spannende, Musik ist ein wichtiger Faktor. Unsere Vorlieben und Abneigungen sagen viel mehr über uns selber aus als in welcher Stimmung wir uns gerade befinden oder wo wir gerne in den Ausgang gehen. Beziehungsweise: Diese Informationen sind ein Fenster weit in unser Innerstes hinein. Und in der Musik steckt nicht nur eine enorme Kraft, uns emotional zu stimulieren, sondern eben auch Einsichten in die Kräfte zu geben, von denen wir uns durchs Leben treiben lassen.

Titelbild: http://www.imcreator.com/free/people/2ae-3a-1ae