Wie ein Duft in der Nase ist Musik in den Ohren etwas Flüchtiges, ein augenblickliches Erlebnis mit emotionalen Ausschlägen, aber nichts Handfestes für die Ewigkeit. Würde man meinen. Gehörte und gemachte Musik stimuliert unser Gehirn aber so sehr, dass sie von Auge erkennbare Veränderungen hinterlässt.

Wer mit der Musik nicht seine Brötchen verdient, spielt in den meisten Fällen darum ein Instrument, weil man es sich leisten kann. Es ist ein Mittel des individuellen und persönlichen Ausdrucks, es ist ein elementarer Bestandteil der Identität, und es eignet sich (ab einem gewissen Alter) hervorragend für die Kultivierung allerlei sexueller Konnotationen. Man macht Musik mehr oder weniger zielgerichtet zum Zeitvertrieb – deswegen überhaupt nicht zwingend passionslos, aber en gros ist das Musizieren ein Investment in jene Selbstverwirklichung, für welche die Freizeit gedacht ist. Der Traum vom Leben als Popstar muss irgendwann mit der Adoleszenz zurückgelassen werden, denn im schulischen wie dem beruflichen Curriculum hat die musische Kunst eine so periphere Rolle, dass nicht einmal der als elitär geltenden ernsthaften und anspruchsvollen klassischen Musik viel mehr als die Rolle eines etwas höhergestellten Hobbys zugestanden wird.

Seit der Jahrtausendwende etabliert sich jedoch ein Wissenschaftsfeld, das in dieser Angelegenheit ordentlich Sprengpotenzial hat: Musische Neurowissenschaften beschäftigen sich damit, was im Gehirn passiert, wenn jemand Musik hört oder selber spielt. Dabei interessiert vor allem die sogenannte „Plastizität des Gehirns“. Unsere Gehirne sind nämlich alles andere als zwar glibbrige, aber deswegen immer noch starre Organe. Ganz im Gegenteil sind sie als Reaktion auf unsere täglichen Herausforderungen in ständigem Umbau und deformieren gewissermassen an den besonders beanspruchten Stellen. Die Verformungen kommen jedoch nicht zustande, weil das Gewebe ausleiert, sondern weil hier haufenweise neue graue und weisse Masse produziert wird, das Platz braucht (und das Leistungsvermögen dieser Hirnregionen steigert). Plastizität kommt insbesondere dann zustande, wenn die Gehirnwindungen ordentlich geknetet werden (intensives Üben) und wenn das in einer günstigen Phase passiert (vor allem im Alter zwischen 5 und 7 Jahren – aber darüber hinaus ist auch der generelle soziale Kontext wichtig). Plastizität ist für Erwachsene keineswegs ausgeschlossen, denn das musische Training kann erhebliche Unterschiede erzeugen: In Tests, bei denen drei Gruppen miteinander verglichen wurden, unterschieden sich Personen mit wenig Übung nicht von jenen, die gar kein Instrument spielten, während Personen mit viel Übung deutlich andere Werte erhielten.

Für die Studien der einschlägigen Forschung stehen verständlicherweise die neurologischen Vorgänge im Zentrum, wir bei Instrumentor interessieren uns aber für einen anderen Aspekt: Interessanterweise ist die Plastizität des Gehirns nicht nur in jenen Regionen messbar, die unmittelbar mit Musik zu tun haben, sondern sie taucht in allerlei anderen Windungen auch auf und war in Tests schon nach der relativ kurzen Zeit von etwa 14 Monaten erkennbar. Die Effekte auf das tägliche Leben sind erstaunlich: In einer älteren Studie reichten gerade einmal 10 Minuten Mozart aus, um Testpersonen in einem IQ-Test zu räumlichem Denken und Matheaufgaben 10 Punkte höher als die Vergleichsgruppen (die jeweils vor dem Test andere oder gar keine Musik hörten) abschliessen zu lassen – woraufhin darüber nachgedacht wurde, Neugeborenen jeweils eine Klassik-CD zu schenken.

Noch spannender sind aber Erkenntnisse, die nicht mit dem Musik Hören, sondern dem Musik Machen zusammenhängen: Die Forschung hat Verbesserungen festgestellt, die den sprachlichen Ausdruck, das Lernen von Fremdsprachen, das verbale Erinnerungs- und räumliche Vorstellungsvermögen sowie mathematische Problemlösungsfähigkeiten und Sozialkompetenzen im Allgemeinen betreffen. Sich jahrelang intensiv mit einem Instrument auseinanderzusetzen, verbessert die Feinmotorik, Koordinationsfähigkeiten und die generelle Aufmerksamkeit. In einem Chor zu singen, im Orchester oder in einer Band zu spielen, trainiert die Sozialkompetenz und schult den Sinn für nonverbale Kommunikation sowie Nuancen des Ausdrucks – es wurde sogar schon vorgeschlagen, dass das gemeinsame Musizieren ein wesentlicher Bestandteil jenes evolutionären Prozesses war, der in unsere Zivilisation mündete. Und wer vor Publikum auftritt, lernt sogar noch en passant, mit Druck, Stress und Exposition umzugehen.

Ein Instrument zu üben, beschert einem also einen Strauss von Benefits und ist beileibe mehr als nur ein Zeitvertrieb und etwas, das man tut, um zu Weihnachten von den Grosseltern einen extra Zustupf zu bekommen. Es verhilft einem zu einem kreativen lösungsorientierten Umgang mit Problemen, fördert das Multitasking, den schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben und die Präzision, sowohl in Bewegungsabläufen, als auch in der Ausdrucksweise.

Ein ewiges Kreuz vieler solcher Forschungen bleibt, dass sie kaum zuverlässig zwischen Ursache und Wirkung trennen kann. Man ist also noch unsicher, ob nicht alles auch umgekehrt sein könnte und Menschen mit all diesen tollen Attributen nicht einfach einen stärkeren Hang zur Musikalität haben. Aber wie mans anschaut, die Aussichten sind schmeichelhaft: Wer ein Instrument lernt, darf sich entweder darauf freuen, künftig ein mannigfaltig verbessertes Leben zu führen – oder sich damit brüsten, zu jener fantastischen Gruppe von Menschen zu zählen, deren wundervolles Wesen sie unwiderstehlich zur Musik zieht.

Mehr dazu, wie Musik das Gehirn fit macht, hier.

Quellen:

Hyde, Krista L.; Lerch, Jason; Norton, Andrea; Forgeard, Marie; Winner, Ellen; Evans, Alan C.; Schlaug, Gottfried (2009): The Effects of Musical Training on Structural Brain Development. A Longitudinal Study. In: The Neurosciences and Music III: Disorders and Plasticity, Annual New York Academy of Sciences, 1169, S. 182-186.

Miendlarzewska, Ewa A.; Trost, Wiebke J. (2014): How musical training affects cognitive development: rhythm, reward and other modulating variables. In: Frontiers in Neuroscience, 7: 279.

Moore, Emma; Schaefer, Rebecca S.; Bastin, Mark E.; Roberts, Neil; Overy, Katie (2014) : Can Musical Training Influence Brain Connectivity? In: Brain Sciences, 4, 405-427. doi:10.3390/brainsci4020405

Rauscher, Frances E.; Shaw, Gordon L.; Ky, Katherine N. (1993): Music and spatial task performance. In: Nature, 365, S. 611.